Hybride Kriegsführung gegen Deutschland ist längst keine abstrakte Bedrohung mehr, sondern gelebte Realität: Das Bundeskriminalamt registrierte 2025 mit 93 Fällen gezielter Sabotage gegen die Verkehrsinfrastruktur einen neuen Höchstwert – nach 58 Fällen im Vorjahr und 78 Fällen 2023. Gleichzeitig beziffert der Digitalverband Bitkom den wirtschaftlichen Schaden durch Spionage und Sabotage in Deutschland auf rund 290 Milliarden Euro, einen neuen Rekordwert. Für Sicherheitsverantwortliche in Unternehmen und Organisationen bedeutet das: Hybride Bedrohungen gehören ins Zentrum der Krisenvorsorge.
Was ist hybride Kriegsführung?
Hybride Kriegsführung bezeichnet ein Bündel militärischer, wirtschaftlicher, technologischer und informationeller Maßnahmen, die bewusst unterhalb der Schwelle eines offenen Krieges eingesetzt werden, um demokratische Gesellschaften zu destabilisieren und ihre Widerstandsfähigkeit zu testen. Dazu zählen Cyberangriffe, Spionage, Diebstahl geistigen Eigentums, wirtschaftliche Einflussnahme und die Sabotage kritischer Infrastruktur. Nach übereinstimmender Einschätzung von Bundesinnenministerium, Verfassungsschutz und Bundeswehr setzen vor allem Russland, aber auch China, Nordkorea und Iran solche Mittel gezielt gegen Deutschland ein.
Sabotage-Statistik 2025: Ein Rekordjahr
Eine Auswertung des Bundeskriminalamts auf Anfrage von Correctiv zeigt das Ausmaß: Im Jahr 2025 wertete die Behörde 93 Straftaten als gezielte Sabotage gegen die Verkehrsinfrastruktur – nach 78 Fällen 2023 und 58 Fällen 2024. Besonders bemerkenswert: Zwölf Straftaten wurden erstmals unter dem Straftatbestand der „Agentätigkeit zu Sabotagezwecken“ erfasst, der einen Auftrag durch eine ausländische Macht voraussetzt – in den beiden Vorjahren kam dieser Tatbestand in der Statistik noch nicht vor. Zu den dokumentierten Fällen zählen ein entgleister Güterzug bei Essen im Januar, durchtrennte Signalkabel nahe Coburg im August und eine DDoS-Attacke auf die S-Bahn Hannover im Juli, die einer pro-russischen Gruppierung zugeschrieben wird.
Die Instrumente der hybriden Bedrohung
Neben physischer Sabotage – von durchtrennten Kabeln bis zu Bränden in Kabelschächten – nutzen Angreifer Cyberangriffe auf Unternehmen und Behörden, gezielte Desinformationskampagnen, Spionage gegen Mitarbeitende und wirtschaftliche Einflussnahme über Investitionen in Schlüsselindustrien. Sicherheitsbehörden sprechen zunehmend von „Low-Level-Agents“: Personen, die – wissentlich oder unwissentlich – gegen Bezahlung von ausländischen Geheimdiensten für Spionage- oder Sabotageakte angeheuert werden, oft ohne erkennbare direkte Verbindung zum Auftraggeber. Diese Struktur erschwert Ermittlern die eindeutige Zuordnung erheblich.
Warum Sicherheitsverantwortliche jetzt handeln müssen
Für KRITIS-Betreiber und Unternehmen mit kritischer Infrastruktur bedeutet die aktuelle Lage einen Wechsel von reaktiver zu proaktiver Sicherheitsarchitektur. Ein erfolgreicher Angriff auf Energieversorger, Wasserwerke oder Transportnetze gefährdet nicht nur einzelne Unternehmen, sondern die Versorgungssicherheit ganzer Regionen. Die Bundesregierung hat mit dem Aufbau eines Gemeinsamen Abwehrzentrums gegen hybride Bedrohungen reagiert, das Erkenntnisse verschiedener Sicherheitsbehörden bündeln soll. Für einzelne Organisationen ersetzt das jedoch nicht die eigene Krisenvorsorge – im Gegenteil: Wer auf staatliche Frühwarnung wartet, statt eigene Meldewege und Reaktionspläne aufzubauen, verliert im Ernstfall wertvolle Zeit.
Was Unternehmen konkret tun sollten
Ein wirksames Krisenmanagement gegen hybride Bedrohungen stützt sich auf vier Elemente: kontinuierliches Monitoring physischer und digitaler Angriffsflächen, klare Meldewege zu Sicherheitsbehörden und internen Krisenstäben, regelmäßige Übungen mit realistischen Sabotage- und Spionageszenarien sowie enge Abstimmung mit Lieferanten und Partnern entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Wer bereits Prozesse gegen Wirtschaftsspionage aufgebaut hat, sollte diese gezielt um physische Sabotageszenarien und Lieferketten-Risiken erweitern, statt beide Bedrohungsarten getrennt zu behandeln. Auch der volkswirtschaftliche Schaden unterstreicht die Dringlichkeit: Der Digitalverband Bitkom beziffert die Gesamtkosten durch Spionage, Sabotage und Datendiebstahl in der deutschen Wirtschaft auf rund 290 Milliarden Euro pro Jahr – ein Betrag, der ohne koordinierte Prävention weiter steigen dürfte.
Fazit: Lehren fürs Krisenmanagement
Hybride Kriegsführung gegen Deutschland ist 2026 keine theoretische Gefahr mehr, sondern durch Zahlen und konkrete Vorfälle belegte Realität. Organisationen, die Sabotage, Spionage und Desinformation als eigenständige Risikokategorie in ihr Krisenmanagement integrieren – mit Monitoring, klaren Meldewegen und geübten Reaktionsplänen – sind besser vorbereitet, wenn die nächste hybride Attacke ihre Infrastruktur trifft. Wer heute in Monitoring, Meldeketten und regelmäßige Übungen investiert, verschafft sich einen entscheidenden Vorsprung gegenüber Organisationen, die hybride Bedrohungen weiterhin als Randthema behandeln. Genau darin liegt der entscheidende Unterschied zwischen reiner Schadensbegrenzung und echter Krisenresilienz.




