Ein Beispiel: Freitag, 16:05 Uhr. Eine Mitarbeiterin im Kundenservice bemerkt, dass sich innerhalb kurzer Zeit auffällig viele Kunden über fehlerhafte Rechnungen beschweren. Sie informiert ihren Teamleiter, dieser die IT-Bereitschaft, die wiederum die Leitung Finanzen. Als um 17:30 Uhr der Krisenstab zusammenkommt, weiß niemand mehr genau, wann die erste Beschwerde einging, welche Kunden betroffen sind und ob schon jemand eine Stellungnahme verschickt hat. Statt ein erstes Lagebild zu erarbeiten, rekonstruiert der Stab eine Stunde lang, was eigentlich passiert ist.
Informationen gehen in der ersten Stunde selten durch Nachlässigkeit verloren. Sie gehen an den Übergaben verloren – auf dem Weg von der Person, die das Signal bemerkt, bis zum Krisenstab. Dieser Beitrag zeigt, wie Sie diese Übergabe mit sieben Fragen und einer einfachen Meldevorlage strukturieren.
Warum Informationen an der Übergabe verloren gehen
Wer ein Signal bemerkt, ist selten die Person, die entscheidet. Dazwischen liegen oft mehrere Stationen. Jede Station gibt weiter, was ihr wichtig erscheint, und lässt weg, was sie für selbstverständlich hält. Aus „16:05 Uhr“ wird „heute Nachmittag“, aus „drei Kunden“ werden „einige Kunden“, und dass bereits eine E-Mail an alle Kunden vorbereitet wird, erwähnt niemand mehr.
Hinzu kommt, dass in der ersten Stunde Vermutungen und Fakten eng beieinanderliegen. Unter Zeitdruck wird selten sauber zwischen „wir wissen“ und „wir nehmen an“ unterschieden. Beim Krisenstab kommt dann ein Bild an, das sicherer wirkt, als es ist. Eine strukturierte Übergabe sorgt dafür, dass immer dieselben Punkte abgefragt werden, und macht Unsicherheit sichtbar.
Ein Rhythmus für die erste Stunde
In Übungen hat sich ein einfacher Orientierungsrahmen bewährt, der die erste Stunde in drei Etappen gliedert. Er ist keine Norm, sondern ein Hilfsmittel, an dem Teams ihre eigenen Zeiten messen können:
- 0′ – Alarm: Das Signal kommt an. Jemand bemerkt eine Abweichung, die nicht zum Normalbetrieb passt.
- ca. 15′ – Erstmeldung: Was wissen wir? Die wichtigsten Fakten werden knapp und strukturiert weitergegeben.
- ca. 60′ – erstes Lagebild: Was müssen wir entscheiden? Der Krisenstab verdichtet die Informationen zur Grundlage für die ersten Entscheidungen.
Ob diese Zeiten für Ihre Organisation passen, hängt von Ihren Prozessen, Ihrer Erreichbarkeit und der Art der Lage ab. Nutzen Sie den Rhythmus als Messlatte: Wo stehen Sie heute – und warum? Wie Sie die Einberufung auch bei Abwesenheit der Leitung sichern, lesen Sie im Beitrag Wer darf den Krisenstab einberufen, wenn die Leitung ausfällt.
Erstmeldung und erstes Lagebild: der Unterschied
Die Erstmeldung ist eine Momentaufnahme – kein vollständiges Lagebild. Sie beantwortet die Frage „Was wissen wir?“ und stammt von der Stelle, die das Signal zuerst bearbeitet. Sie muss nicht vollständig sein, aber ehrlich: Bestätigtes wird als bestätigt gekennzeichnet, alles andere als offen. Ihr Zweck ist, dass niemand bei null anfangen muss.
Das erste Lagebild ist die Arbeitsgrundlage des Krisenstabs. Es beantwortet die Frage „Was müssen wir entscheiden?“. Dazu führt es Informationen aus mehreren Quellen zusammen, bewertet sie, beschreibt mögliche Entwicklungen und benennt anstehende Entscheidungen mit Fristen. Das Lagebild entsteht im Krisenstab, nicht bei der meldenden Person.
Sieben Fragen für eine strukturierte Übergabe
Damit aus der Erstmeldung zügig ein Lagebild werden kann, sollte jede Übergabe dieselben sieben Fragen beantworten – ob telefonisch, per Messenger oder im Stabsraum:
- Was ist passiert – und wann? Möglichst konkrete Uhrzeiten, auch für den ersten Hinweis.
- Wer oder was ist betroffen? Menschen, Standorte, Prozesse, Systeme, Kunden, Lieferanten.
- Was wurde bereits unternommen? Auch kleine Schritte, etwa ein Neustart oder eine Rückfrage beim Kunden.
- Was ist bestätigt – und was nicht? Die ausdrückliche Trennung von Fakten und Annahmen.
- Wie kann sich die Lage in den nächsten Stunden entwickeln? Eine grobe Einschätzung: eher Entspannung, stabil oder Verschärfung.
- Wer weiß bereits davon – intern und extern? Wichtig für die Kommunikation, weil Informationen möglicherweise schon unterwegs sind.
- Welche Entscheidung wird jetzt gebraucht – und bis wann? Die Frage, die aus einer Meldung eine Handlungsgrundlage macht.
Die sechste Frage gerät unter Zeitdruck leicht aus dem Blick, dabei bestimmt sie, wie viel Spielraum der Kommunikation bleibt. Warum gerade die ersten Minuten dafür zählen, beschreiben wir im Beitrag Krisenkommunikation: die ersten 60 Minuten. Die siebte Frage wiederum zwingt die meldende Person, eine eigene Einschätzung zu formulieren – und gibt dem Krisenstab einen klaren Ausgangspunkt.
Die Meldevorlage für die Erstmeldung
Die sieben Fragen lassen sich in eine kurze Meldevorlage übersetzen. Sie sollte überall verfügbar sein, wo Signale typischerweise ankommen – Leitstand, IT-Bereitschaft, Empfang, Kundenservice, Schichtleitung – und auf eine Seite passen:
- Meldende Person, Funktion, Erreichbarkeit
- Datum und Uhrzeit der Meldung
- Zeitpunkt des Ereignisses bzw. des ersten Hinweises
- Kurzbeschreibung: Was ist passiert?
- Betroffene Menschen, Standorte, Prozesse, Kunden
- Bereits ergriffene Maßnahmen
- Bestätigt / noch nicht bestätigt
- Mögliche Entwicklung in den nächsten Stunden
- Bereits informiert: intern / extern
- Benötigte Entscheidung und Frist
- Weitergeleitet an – mit Uhrzeit
Mehr Felder helfen selten. Eine Vorlage, die unter Stress nicht in wenigen Minuten auszufüllen ist, wird im Ernstfall übersprungen. Verankern Sie sie in Ihrem Krisenplan und halten Sie sie digital und ausgedruckt bereit.
Vom ersten Lagebild zur ersten Entscheidung
Das erste Lagebild ist kein Bericht, sondern eine Entscheidungsvorlage. Ein klarer Aufbau hilft: Lage (was wissen wir, was ist offen), Bewertung (was bedeutet das für Menschen, Prozesse, Kunden, Finanzen und Reputation) und Entscheidungsbedarf (welche Entscheidungen stehen an, mit welchen Optionen, bis wann). Legen Sie außerdem fest, wann das Lagebild das nächste Mal fortgeschrieben wird.
Üben Sie die Übergabe gezielt: Lassen Sie in einer Übung dieselbe Lage über zwei oder drei Stationen weitergeben und vergleichen Sie, was am Ende ankommt. Die Unterschiede zeigen, wo Ihre Meldewege Informationen kosten. Ob die Lage überhaupt eine Einberufung rechtfertigt, klären die Aktivierungskriterien für Ihren Krisenstab; wie der Stab danach arbeitet, beschreibt der Beitrag Krisenstab aufbauen: Aufgaben, Rollen, Struktur.
Nächster Schritt: die erste Stunde im Training erleben
Übergaben lassen sich nicht am Schreibtisch perfektionieren – sie müssen unter Zeitdruck funktionieren. In einem Inhouse-Krisentraining arbeiten wir mit den Rollen, Prozessen und Szenarien Ihrer Organisation. Ihr Team übt den Weg vom Alarmsignal über die Erstmeldung bis zum ersten Lagebild, misst die eigenen Zeiten und passt Meldevorlage und Meldewege an. Sprechen Sie uns an.
Häufige Fragen zum ersten Lagebild
Was ist der Unterschied zwischen Erstmeldung und Lagebild?
Die Erstmeldung beantwortet „Was wissen wir?“ und stammt von der Stelle, die das Signal zuerst bearbeitet. Das Lagebild beantwortet „Was müssen wir entscheiden?“ und wird im Krisenstab erarbeitet und fortgeschrieben.
Muss das erste Lagebild nach 60 Minuten stehen?
Nein, die 60 Minuten sind eine Orientierung aus Übungen, keine Norm. Sie helfen, die eigenen Abläufe zu messen und Verzögerungen sichtbar zu machen.
Was tun, wenn viele Antworten noch offen sind?
Offene Punkte gehören ausdrücklich in die Erstmeldung. Eine ehrliche Kennzeichnung von „noch nicht bestätigt“ ist wertvoller als ein scheinbar vollständiges Bild.





